„Poesie ist wie ein Duft, der sich verflüchtigt und
dabei in unserer Seele die Essenz der Schönheit zurücklässt.“

— Jean Paul

Manche Wahrheiten lassen sich besser dichterisch ausdrücken als wissenschaftlich. Im MBSR-Kurs verwende ich gerne Gedichte als kleine Türen, die einen anderen Zugang zur Achtsamkeit ermöglichen – nicht über das Verstehen, sondern über das Spüren. Hier finden Sie eine Auswahl von Texten, die mir besonders am Herzen liegen.

Anselm Grün

Der Benediktinerpater (geb. 1945) verbindet christliche Spiritualität mit psychologischer Tiefe.

Tanz nach dem Lied der Stille …

„Wir brauchen die Stille,
um mit dem Glück in Berührung zu kommen,
das auf dem Grund unseres Herzens in uns ruht.
Wenn wir immer nur in Bewegung sind,
werden wir es in uns nicht spüren.
Es ist wie ein See.
Nur wenn er ganz ruhig ist,
spiegelt sich in ihm die Schönheit der Welt.
Nur wenn wir stille stehen,
spiegelt sich in uns die Herrlichkeit,
die uns umgibt.
Dann spüren wir die Freude,
die in uns liegt.“

„Der gegenwärtige Augenblick ist Dein Augenblick. Der Ort, wo Du sitzt, ist Dein Ort. Genau an diesem Ort, genau in diesem Augenblick kannst Du erwachen. Es ist nicht nötig, sich in einem fremden Land unter einen bestimmten Baum zu setzen.“

— Thich Nhat Hanh

Hermann Hesse

Der Schriftsteller und Lyriker (1877–1962) hat in seinen Gedichten immer wieder Worte für das Innehalten und den Neubeginn gefunden.

Manchmal

„Manchmal scheint uns alles falsch und traurig,
wenn wir schwach und müd in Schmerzen liegen,
jede Regung will zur Trauer werden,
jede Freude hat gebrochne Flügel,
und wir lauschen sehnlich in die Weiten
ob von dorther neue Freude käme.
Aber keine Freude kommt, kein Schicksal
je von außen uns. Ins eigene Wesen
müssen wir, vorsichtige Gärtner, lauschen,
bis von dort mit Blumenangesichtern
neue Freuden wachsen, neue Kräfte.“

Stufen (Auszug)

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“

„Sag mir, was hast du vor zu tun
mit deinem einzigen, wilden, kostbaren Leben?“

— Mary Oliver, „Der Sommertag“

Rumi

Der persische Mystiker Dschalal ad-Din Muhammad Rumi (1207–1273) hat im 13. Jahrhundert Gedichte geschrieben, die heute genauso wirken wie damals. Sein berühmtestes Gedicht im MBSR-Kontext ist „The Guest House“ – das Gasthaus.

Das Gasthaus

„Dieses Mensch-Sein ist ein Gasthaus.
Jeden Morgen ein neuer Gast.
Eine Freude, eine Niedergeschlagenheit, eine Gemeinheit,
ein flüchtiges Bewusstsein kommen
als unerwartete Besucher.
Heiße alle willkommen und unterhalte sie!“

Rainer Maria Rilke

Aus den „Briefen an einen jungen Dichter“ – Worte, die helfen, mit Ungewissheit zu leben:

Habe Geduld mit allem Ungelösten

„Habe Geduld gegen alles Ungelöste in deinem Herzen und versuche, die Fragen selbst lieb zu haben … Lebe jetzt die Fragen. Vielleicht lebst du dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.“

Antonio Machado

Spanischer Dichter (1875–1939).

Wanderer

„Wanderer, deine Spuren
sind der Weg, sonst nichts;
Wanderer, es gibt keinen Weg,
der Weg entsteht beim Gehen.“